Kann ein Mann mit einem anderen Mann Sex haben und trotzdem hetero sein?

Ed Dyson trifft eine neue Generation von heterosexuellen Männern, die gleichgeschlechtliche Erfahrungen völlig unvoreingenommen betrachten.

Ersterscheinung des Artikels in Attitude, Ausgabe 304, Januar 2018


Mein bester Freund aus der Highschool – ich nenne ihn Nick – erzählte mir eines Abends verwirrt, dass er seit einiger Zeit beim Masturbieren an mich denke. „Vielleicht sollten wir uns küssen“, schlug ich vor. „Ich glaube ich sollte besser gehen“, murmelte er und damit nahm unser Treffen ein anderes Ende, als ich es erhofft hatte.

Offensichtlich war mein Vorschlag unsere Lippen zu vereinen – um 8 Uhr abends auf einer Bank vor dem Haus meiner Mutter im glanzvollen englischen Huddersfield – ein Schritt zu weit. Dass ich regelmäßig als seine mentale Wichsvorlage diente war aber scheinbar völlig in Ordnung. Versteht mich nicht falsch, für mich war das damals ein riesen Kompliment! Vor allem weil ich zu dem Zeitpunkt sowohl eine Zahnspange als auch Akne hatte. Verwirrt? Da waren wir schon zwei. Und so kam es dazu, dass ich im zarten Alter von 15 Jahren einen Gedanken fasste, der später zu der Überzeugung werden sollte, dass alle Männer – bis zu einem gewissen Grad – heimlich schwul sind.


Kiss Matthew Ossenfort + Jeffrey Denke von See-ming Lee

Über die Jahre hinweg wurde ich deswegen von meinen Freunden (so gut wie alle weiblich oder offen homosexuell) verspottet. „Ed, du denkst dass jeder schwul ist“, würden sie grinsend und mit einem Augenrollen sagen, nachdem ich wieder einmal einen Fremden, eine Berühmtheit oder einen Kellner outete, der eine Sekunde zu lange Augenkontakt gehalten hatte. Und, in aller Fairness, sie hatten Recht. Wenn ich für jedes Mal outen ein Pfund bekommen hätte… naja, ich würde mir ersparen gelegentlich darüber nachdenken zu müssen, meinen eigenen Tod vorzutäuschen, um der Rückzahlung meines Studienkredites zu entkommen.

Es ist unglaublich wie lange mir die Ironie verborgen blieb, dass ich – der Typ, der seine Highschool Zeit in der Angst verbracht hatte von seinen Schulkolleg*innen der Homoexualität bezichtigt zu werden – über die Jahre selbst zu einem Bezichtiger geworden bin. Erst vor Kurzem ist mir klar geworden, dass Menschen wie ich Teil des Problems sein könnten. Was ist, wenn es wirklich eine Vielzahl an Abstufungen zwischen schwul und bisexuell gibt? Und vielleicht sind genau solche Menschen wie meine Wenigkeit, die am anderen Ende des Raumes gehässig flüstern, der Grund warum Männer es nicht wagen zu experimentieren und ihre Neugier gegenüber gleichgeschlechtlichen Erfahrungen offen zuzugeben.
„Er kennt den Text zum neuen Taylor Swift Song“, würde ich dann allwissend und selbstgefällig verkünden, dass meine Einschätzung von Anfang an richtig war. Ja, ich fürchte ich muss zugeben, ich bin ein Beispiel eines schwulen Mannes, der unbeabsichtigt eine weniger weit verbreitete aber genauso problematische Form der Homophobie praktiziert.

Allerdings muss ich zu meiner Verteidigung sagen, dass es eine Menge Dinge gab, die mich dazu ermutigten: Viel war passiert seit Nick sich damals geweigert hatte mich zu küssen, und damit diese Einstellung in mir formte, die ich jetzt beschämt reflektiere.

Als ich älter wurde, irgendwann zahnspangenlos und aknefrei, konnte ich auch beginnen Intimität zu Männern zuzulassen, die nicht schwer sehbeeinträchtigt waren – das eröffnete mir ganze neue Möglichkeiten lästig zu sein.

„Ich schlafe nur mit Heteros!“, tönte ich damals stolz auf der Uni herum, als wäre das irgend so ein krankes Ehrenabzeichen.
Das macht mich einfach heiß, sagte ich mir – und es war die Wahrheit, glaube ich. Vielleicht gefiel mir die Herausforderung. Als wäre Dating nicht schon herausfordernd genug auch ohne sich selbst auf eine Gruppe von Verehrern zu beschränken, die per Definition keine Verehrer waren.
Und trotz allem blieb ich nicht ohne Erfolg. Es gab heterosexuelle Männer die bereit waren zu experimentieren. Sicher, sie alle bestanden darauf, dass sie hetero waren, manche drohten mir sogar damit mich umzubringen, wenn ich es wagen sollte auch nur einer Menschenseele von unserem Treffen zu erzählen (ist es schlimm, dass mich das nur heißer machte?), aber es gab sie. Und natürlich nahm ich an, dass jeder einzelne von ihnen – diejenigen mit Freundinnen und Ehefrauen – so tief im sprichwörtlichen Schrank, dem ‚Closet‘ steckten, dass sie alle die weiße Hexe aus Narnia auf Kurzwahl hatten.

Photo by Stefan Stefancik from Pexels

Erst jetzt wo ich in meine Dreißiger komme wird mir bewusst, dass ein Großteil dieser Männer vermutlich weder schwul war noch ist. Vielleicht waren sie in ihrer Jugend genauso neugierig wie ich. Ich meine, erzähls nicht weiter, aber in der Schule habe ich einmal mit einem Mädchen rum gemacht. Vielleicht konnte ich ihnen dabei helfen festzustellen, dass Männer nicht ihr Fall sind. Ein Gedanke, den ich bewusst nicht persönlich nehme.

Ein schönes Beispiel für einen Mann der selbstbewusst mit ‚Ein bisschen bi schadet nie‘ umgeht ist Connor Hunter, 21, der muskulöse Junge aus dem englischen Essex, bekannt aus der MTV-Serie ‚Ex on the Beach‘. Vor zwei Jahren vergnügte er sich mit einem Typen, nachdem ihm während eines Dreiers aufgefallen war, dass dieser mehr Augen für ihn hatte als für die glückliche Dame, welche sie eigentlich, ähm, betreuen sollten.
„Mir war aufgefallen, dass er mich abcheckte und drei Tage später rief er mich an und beichtete“, lacht Connor. „Er erzählte mir, dass er glaubte bisexuell zu sein und fragte, ob es in Ordnung für mich wäre, wenn wir Dinge gemeinsam ausprobieren würden. Ich antwortete: ‚Was meinst du damit? Wie weit willst du gehen?“
Connor, erfrischend entspannt, entschied, dass es ‚keine große Sache‘ war und vereinbarte ein Treffen mit dem besagten Kumpel. „Wir gingen einen Abend aus und es endete damit, dass wir Kleinigkeiten ausprobierten“, grinst Connor. „Wir zogen es nicht bis zum Ende durch, aber wir experimentierten.“
Der 21-jährige Connor erklärt, dass er immer schon sehr aufgeschlossen war, wenn es um sexuelle Diversität ging.
Und jetzt die eine Million Dollar Frage: haben ihm die ‚Kleinigkeiten‘ gefallen? „Es hat nicht wirklich viel für mich gemacht“, gibt er zu und klingt dabei beinahe enttäuscht. „Aber ich war froh, dass ich es probiert habe. Wenn schon sonst nichts, dann hat uns der Abend näher zueinander gebracht. Es war ein großer Schritt für ihn auf mich zuzugehen und mich zu fragen, und ich bin froh, dass er es gemacht hat.“

Mensch! Ich glaube ich spreche für die meisten schwulen Männer, wenn ich sage, ich wünschte die Welt wäre mehr so wie Connor, dessen Unvoreingenommenheit daher rührt, dass er in der Schule gehänselt wurde, weil er meistens mit Mädchen rum hing und nichts von Fußball hielt.
„Ich wurde schon ein bisschen in eine Schublade gesteckt“, erzählt er Attitude. „Sie meinten, ‚Der ist offensichtlich schwul!‘ War ich nicht, aber von da an war ich immer sehr vorurteilsfrei und hatte auch viele homosexuelle Freunde.“
Er ergänzt: „Ich glaube viele Berühmtheiten, ob sie’s zugeben oder nicht, haben sich schon an beiden Seiten des Ufers versucht.“
Connor wünscht sich, dass sich Männer, die Angst davor haben abgestempelt zu werden, von ihm eine Scheibe abschneiden. „Ich finde, kein Junge sollte sich wegen irgendetwas schämen, denn wenn man es nie probiert kann man es nie mit Sicherheit wissen.“
Zur Frage nach gleichgeschlechtlichem Sex in seiner Zukunft antwortet er: „Ich sage niemals nie. Aber was ich sage ist, dass ich auf Frauen stehe und eine Freundin habe. Sie ist wunderbar.“
Abschließend findet er: „Es sollte wirklich kein Thema sein. Aber nicht jeder ist da so entspannt wie ich. Ich bin sehr straight und sehr offen und darüber würde ich auch nie lügen.“ ‚Straight und offen‘ sagt er ohne auch nur einen Hauch von Ironie. Sein unbeschwerter Umgang mit Sex bleibt beneidenswert und selten, selbst im Jahr 2018.

Photo by Úrsula Madariaga from Pexels

Auch Jacob Rowland legte sich, ähnlich wie Connor, eine Herangehensweise unter dem Motto ‚Probieren geht über Studieren‘ zu. Der 23-jährige Ingenieur aus Luton, England, experimentierte vor einigen Jahren mit seinem älteren russischen Mitbewohner. Er hinterfragte seine Sexualität – kurzzeitig – als Teenager.
„Ich glaube das macht jeder zumindest ein bisschen. Alle meine Freunde taten es“, sagt er. Den Sprung wagte er allerdings erst als er mit 21 nach Amsterdam zog. „Ich lebte damals mit zwei schwulen Männern zusammen, einer war Russe, der andere Pole, beide viel älter als ich“, erklärt er. „Sie haben einander gehasst, aber ich war mit beiden befreundet.
“Jacob’s russischer Mitbewohner war kleiner als er und recht männlich, abgesehen von gelegentlich pinken Haaren und Wimperntusche (was das wohl bedeutete?). Sie verbrachten viel Zeit damit die Amsterdamer Partyszene zu erkunden, die für Jacob ein ziemlicher Augenöffner war.
Er erzählt weiter: „Ich hatte damals noch nie mit Männern experimentiert und auch kein wirkliches Interesse daran, aber wenn man in einem fremden Land mit zwei schwulen Männern zusammen lebt, wird deren hauptsächlich männlicher Freundeskreis auch irgendwann zum eigenen. Ich habe viel Zeit in Schwulenclubs verbracht. Männer haben mich angebaggert, aber ich habe immer höflich abgelehnt. Ich hatte zu dieser Zeit viel ungezwungen Sex mit Frauen.“
Jacob, der heute eine Verlobte und einen zehn Monate alten Sohn hat, erinnert sich gerne an diese Zeit.
„Eines nachts haben mein russischer Kumpel und ich ausgiebig getrunken. Eines führte zum anderen und wir fingen an uns zu küssen, in der Wohnung, und es endete damit, dass er mir einen blies. “
Jacob, der heute eine Verlobte und einen zehn Monate alten Sohn hat, aber völlig offen über seine Erfahrungen mit Männern spricht. Wie man das eben so macht. Und? „Ich konnte es nicht genießen, der hatte einen Bart!“, witzelt Jacob. „Es war ziemlich kratzig, aber das war schon in Ordnung, eine einmalige Sache. Ich glaube allerdings nicht, dass schwuler Sex was für mich ist, aber sag niemals nie! Meine Verlobte weiß davon, aber sie ist in der Sache auch sehr offen und es macht ihr nichts aus“, sagt Jacob. „Sie hat auch schon mit Frauen experimentiert, also wo ist da der Unterschied? Es ist wirklich keine große Sache, es sei denn, wir machen es zu einer.“

So großartig es auch ist von so modernen Männern wie Connor und Jacob zu hören – die hoffentlich Beispiele unserer sich weiterentwickelnden Gesellschaft sind – ist es schwer zu leugnen, dass die meisten hetero Männern immer noch schreckliche Angst davor haben in irgendeiner Weise schwul zu wirken. Ich habe die Expertin Jane Ward befragt, Autorin des Buches ‚Not Gay – Sex between straight white men‘, warum das so ist. „Im Allgemeinen wird von Männern weniger Experimentierfreude erwartet als von Frauen“, sagt Ward. „Aus Jahrzehnten schlechter Sexual- und Soziobiologieforschung haben wir jetzt den weit verbreiteten Irrglauben, dass Männer entweder hetero oder homo sind und dass nur eine einzige gleichgeschlechtliche sexuelle Erfahrung ein Zeichen für unterdrückte Homosexualität darstellt.“

Die Expertin ist nicht nur der Meinung, dass dieser Glaube die Bisexualität „unsichtbar“ macht, sondern auch die komplexen Umstände ignoriert, in welchen Männer – genauso wie Frauen – sexuelle Erfahrungen machen können, die nicht gezwungenermaßen mit ihrer sexuellen Identität zusammen hängen müssen.
„Heteros leugnen häufig die Komplexität der Sexualität heterosexueller Männer. Das war auch der Grund warum ich ‚Not gay‘ geschrieben habe“, sagt sie. „Wir müssen junge Männer aufklären und darüber informieren, dass ihre Sexualität flexibel und unter ihrer Kontrolle ist, genauso wie die Sexualität von Mädchen und Frauen.“

Photo by Marcelo Chagas from Pexels

Sie lässt mich mit ihren folgenden Worten vor Scham ganz klein werden: „Homosexuelle Männer verschreiben sich manchmal der Aufgabe jedem anderen Mann, der auch nur einen schwulen Gedanken hat, zu erklären, dass er ein Schwuler in Verleugnung ist. Ich bin allerdings der Meinung, dass es besser ist Menschen für sich selbst sprechen zu lassen, als ihnen Stempel aufzudrücken.“

Dem kann man wirklich nichts entgegen stellen.
Als eine Community, die es gewohnt ist auf der Empfängerseite von Spott und Hass zu stehen, sollten wir wirklich die letzten sein, die Spaß daran haben diese Negativität weiter zu reichen, selbst wenn es im diskreten Rahmen passiert.

Männer können experimentieren, Männer können neugierig sein, Männer können Sex mit Männern haben – und das ohne unbedingt schwul sein zu müssen. Einen Lektion für uns alle.

Wenn ich das nur vor 15 Jahren Nick hätte erklären hätte können…


Wenn du dich selbst entdecken willst dann freuen wir uns wenn du mal bei einem unserer Treffen in St. Pölten im Saal der Begegnung vorbei schaust!

Ich will mehr wissen!

Wir bedanken uns bei Petra Paukowitsch für die tolle Übersetzung des Artikels.

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